Vision Quest – auf der Suche nach Bedeutung und Sinn

Es war ein warmer Spätsommertag, als ich mich müde und hungrig durchs Unterholz schleppte. Es war eine einsame Waldgegend nahe der Baumgrenze und ich war auf meiner ersten Vision Quest oder Visionssuche. Es war der zweite von insgesamt 4 Tagen alleine in der Wildnis – ohne Essen und nur mit dem notwendigsten ausgerüstet.

Ich hatte mich auf diese Visionssuche begeben, um wieder Klarheit in mein Leben zu bringen. Das Jahr davor war in jeder Hinsicht turbulent gewesen, privat wie beruflich. Vieles war nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte, es gab Misserfolge und Fehlschläge und Beziehungen drohten zu zerbrechen.

Nun war ich hier, alleine in der Natur und fragte mich, was ich hier eigentlich tat. Ich hatte meinen Schlafplatz, der aus einer Plane und einem Schlafsack bestand, in der Früh verlassen und wanderte wie ziellos umher. Auf Grund meiner körperlichen Schwäche nach 2 Tagen des Fastens konnte ich mich nicht wirklich an der Natur und dem großartigen Ausblick erfreuen. Mir fielen nur die vielen umgestürzten und entwurzelten Bäume auf, ständig versperrten sie mir den Weg. Bei einem dieser gefallenen Riesen blieb ich stehen, die aus der Erde gerissenen Wurzeln überragten mich um fast zwei Meter… und plötzlich konnte ich es sehen, oder besser, ich wusste auf einmal, warum ich hier war. Ich war wie diese Bäume, gefallen und entwurzelt. Was sind meine Wurzeln? Was kann ich tun, was brauche ich, um in meinem Leben wieder Wurzeln zu schlagen…? Die nächsten Tage und Nächte verbrachte ich damit, Antworten auf diese Fragen zu finden – und ich fand sie…

Die Ursprünge der Vision Quest

Das Wort Visionssuche, im Englischen ‘Vision Quest’ kommt vom lateinischen ‘videre’ = ‘sehen, schauen, erkennen’, von dem Wort ‘visio’ = ‘das Gesicht’ und von ‘quaerere’ = ‘suchen, erkennen’. ‘Quest’, das war im europäischen Mittelalter der Name für eine suchende Wanderschaft oder Wallfahrt ins Unbekannte, eine ‘heilige Suche’ der Ritter nach spiritueller Einsicht.
Die moderne Form der Visionssuche / Vision Quest geht allerdings zurück auf die entsprechenden Traditionen der nordamerikanischen Prärieindianer, insbesondere der Lakota-Sioux. Sie haben – ähnlich wie die australischen Aborigines – diese uralte Tradition der Selbstsuche in der Natur bis in die heutige Zeit erhalten. Bei den Lakota heißt die Visionssuche ‘Hanblecheya’ und wird als das ‘Flehen um ein Gesicht’ übersetzt. Es wird in den ‘Great Plains’ des amerikanischen Südwestens bis heute praktiziert und besteht in der Regel aus einem mehrtägigen einsamen Fasten (zum Teil auch ohne Wasser).

Die Tatsache, dass die christlichen Missionare diese kulturelle Praxis, die sie bei den indigenen Völkern Amerikas vorfanden, ‘Vision Quest’ nannten, verweist darauf, dass sie dadurch an eigene Traditionen in der europäischen Geschichte erinnert wurden. Tatsächlich machen historische Forschungen deutlich, daß es sich bei dem einsamen Fasten in der Wildnis nicht um ein indianisches Ritual handelt. Vielmehr wurde diese Praxis auf der ganzen Welt in Zeiten des Übergangs genutzt. Auch im europäischen Kulturraum gibt es zahlreiche Hinweise auf entsprechende Traditionen.

Ein Übergangs-Ritual

Die Visionssuche ist ein klar strukturierter, ritueller Raum, in den wir unsere ungeklärten Lebensfragen, die Suche nach dem Sinn des eigenen Daseins, nach der innersten persönlichen Eigenart und Bestimmung, nach Neuorientierung im Leben, nach einem sinnerfüllten Alltag im Dienst an der Gemeinschaft hineintragen. Die Zeit des einsamen Fastens wird von drei Grunderfahrungen geprägt:

 

  • keine Nahrung (Ausnahmen aus gesundheitlichen Gründen sind möglich)
  • kein Schutz (außer einer Minimalausrüstung, die Wärme, Trockenheit und gesundheitliche Unversehrtheit gewährleistet)
  • kein Kontakt zu anderen Menschen (außer zu Bäumen, Tieren, Steinen UND sich selbst)

Die Visionssuche ist ein in vielen Kulturen praktiziertes Ritual, mit denen Menschen zu allen Zeiten der Geschichte Krisen bewältigten und Übergänge von einer Lebensphase in eine andere markierten. Die Lebensbedingungen mögen sich in der modernen Welt verändert haben, die Krisen und Übergänge sind die gleichen geblieben: Der Wandel vom Jugendlichen zur erwachsenen Frau und zum erwachsenen Mann, der Eintritt in das Familienleben, die Lebensmitte, der Eintritt ins Alter verlangen nach gestalteten Übergängen, Ritualen, Initiation. Wichtige Entscheidungen – seien es Partnerschaft oder Trennung, berufliche Neuorientierung oder Krankheit – verlangen einen Rückzug aus dem Alltagsleben, um innere Klarheit und Stärke für den nächsten Schritt zu gewinnen.

Natur als Spiegel und Lehrer

“Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage”,

sagt der amerikanische Psychologe und Wildnisforscher Robert Greenway. Wer länger in der Wildnis bleibt, träumt anders, denkt anders, nimmt anders wahr. In fast allen Kulturen, die mit Übergangsritualen und Initiationen arbeiteten, fanden diese außerhalb der gewohnten Umgebung, bevorzugt in der Wildnis statt.
Für den Teilnehmer einer Visionssuche kommt es darauf an, die Anbindung an die Zivilisation für vier Tage hinter sich zu lassen. Nur wenn man sich von seiner gewohnten Umgebung trennt, wenn man nicht durch gewohnheitsmäßiges Handeln abgelenkt wird, entsteht der Raum für neue Wahrnehmungen, für eine neue Aufmerksamkeit. Unbekannte Landschaften schaffen Raum für ein neues Sich-Erleben und –Erfahren. Die Unsicherheiten und Ängste in der Konfrontation mit der Wildnis haben die Kraft, wie ein Katalysator uns mit den unbekannten und hemmenden Elementen unserer Psyche zu konfrontieren, die uns an der Entfaltung unserer Potenziale hindern.

Empfehlenswerte Websites:

Visions Suche (Website von Heiko Nitschke, bei dem ich meine erste Visionssuche machte)
Visionssuche-Net (viele gute Informationen, einige davon habe ich auch in diesem Beitrag verwendet)

Buchtipps:

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