Die 10 geistigen Sperren – oder warum denken wir nicht einmal etwas anderes…?

„Entdeckung besteht darin, den gleichen Gegenstand wie alle anderen zu betrachten, sich aber etwas anderes dabei zu denken“ (Albert Szent-Györgyi, Arzt und Nobelpreisträger)

In meinen Kreativitätsseminaren höre ich auf die Frage „warum denken wir nicht einmal etwas anderes…?“  immer sehr ähnliche Antworten:

  • „Ich bin nicht kreativ – ja, die Künstler, Werbeleute etc… die schon, aber ich…“
  • „In meinem Job kann/darf ich nicht kreativ sein…“
  • „Um kreativ zu sein fehlt mir einfach die Zeit…“
  • „Man erwartet von mir die richtige Antwort…“

Das Erlernen und Anwenden von Kreativitätstechniken kann natürlich sehr hilfreich sein, aber im ersten Schritt sollten wir uns bewusst machen, was unser kreatives Potenzial blockiert, welche Glaubenssätze und Verhaltensweisen uns daran hindern, kreativer zu sein.

3 Gründe, warum wir nicht öfter „etwas anderes denken“

Weshalb denken wir nicht öfters „etwas anderes“? Dafür gibt es nach Meinung der meisten Kreativitätsforscher zwei Hauptgründe: Der erste ist, dass wir für den größten Teil dessen, was wir tun, nicht kreativ zu sein brauchen. Um mit den Erfordernissen des täglichen Lebens fertig zu werden, haben wir eine Fülle von Routinen entwickelt, die uns durch den Alltag geleiten. An sich ein sehr vernünftiges, weil energiesparendes Verhalten.

Der zweite Hauptgrund für mangelnde Kreativität ist: weil es uns nicht gelehrt wurde. Vielen von uns wurde bereits in der Schule die Überzeugung eingeimpft, dass die besten Ideen in den Köpfen anderer Leute stecken. Oder wie es der Kreativitätstrainer Roger von Oech in seinem faszinierenden, aber leider vergriffenen Buch „Denkanstoss“ formuliert: „In nur zehn Jahren zwischen Kindergarten und Schulabschluss haben wir nicht nur gelernt, wie die richtige Antwort zu finden ist, wir haben auch die Fähigkeit verlernt, nach mehr als einer richtigen Antwort zu suchen.“

Es gibt auch Zeiten, in denen wir kreativ sein und neue Wege finden müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Wenn dieser Fall eintritt, kann es geschehen, dass unsere eigenen Glaubensätze uns gelegentlich daran hindern, kreativ zu sein. Das ist der dritte Grund, weshalb wir nicht öfter „etwas anderes denken“. Die meisten von uns nehmen gewisse Haltungen ein, die unser Denken auf den Status Quo beschränken und uns weiter in den eingefahrenen Gleisen denken lassen. Diese Haltung ist zwar für den Großteil unserer Tätigkeit notwendig, kann uns aber im Weg stehen, wenn wir versuchen, kreativ zu sein.

Die 10 geistigen Sperren

Roger von Oech nennt 10 solcher „geistiger Sperren“ und meint damit unsere eingefahrenen Denkmuster und Glaubenssätze.

1. Die richtige Antwort
2. Das ist nicht logisch
3. Folge den Regeln
4. Sei praktisch
5. Spiel ist frivol
6. Das ist nicht mein Gebiet
7. Vermeide Unklarheit
8. Sei kein Narr
9. Irren ist falsch
10. Ich bin nicht kreativ

 

Entriegeln geistiger Sperren

Wie können wir diese geistigen Sperren aufheben? Folgende kleine Geschichte kann eine Antwort liefern:

Ein Lehrer lud einen seiner Schüler zum Nachmittagstee bei sich zu Hause ein. Sie plauderten eine Weile, und dann kam die Teestunde. Der Lehrer goß den Tee in die Tasse des Schülers. Als die Tasse schon voll war, goß der Lehrer weiter. Natürlich rann der Teeüber den Tassenrand und floß auf den Fußboden. Schließloich sagte der Schüler: „Meister, Sie müssen aufhören. Der Tee fließt schon über – er geht ja nicht mehr in die Tasse“. Der Lehrer antwortete: „Das ist sehr aufmerksam von dir – das gleiche gilt für dich. Wenn du irgendeine von meinen Lehren aufnehmen willst, musst du zuerst ausräumen, was du im Kopf hast“.

Die Moral dieser Geschichte: Wir brauchen die Fähigkeit, auszuschalten, was wir wissen!

Ohne die Fähigkeit, vorübergehend zu vergessen, was wir wissen, bleibt unser Verstand mit fertigen und Standardantworten regelrecht blockiert, und wir finden einfach keine Gelegenheit, die Fragen zu stellen, die weg vom Trott in neue Richtungen führen. Da unsere Denk- und Verhaltensmuster, die geistige Sperren bewirken, uns allen angelernt oder anerzogen sind, wäre es ein Weg, sie zu beseitigen, sie zeitweilig zu vergessen, d.h. unsere Routine-Vorstellungen auszuräumen und für Neues Platz zu machen. Das hört sich einfach an, ist aber oft schwierig durchzuführen. Wir haben diese geistigen Sperren derart in unser Denken und Verhalten integriert, dass uns längst nicht mehr bewußt wird, wie sehr wir von Ihnen geleitet werden. Wir folgen vielen unserer Routinen, ohne jemals über sie überhaupt nachzudenken. Ein erster Schritt wäre, uns jener geistigen Sperren, die unsere Kreativität am meisten blockieren, einmal bewußt zu werden.

Im nächsten Beitrag werde ich näher auf die 10 „geistigen Sperren“ eingehen – schauen Sie in den nächsten Tagen wieder vorbei… ich freue mich!

3 Kommentare
  1. Yorinda
    Yorinda says:

    Thank you for following me on Twitter, so I found your blog.

    It is really good to read these things in German, the language I grew up with (was conditioned in).
    I have been working with how our thoughts effect us for around 30 years, but mainly in english.
    „Wir brauchen die Fähigkeit, auszuschalten, was wir wissen!“ das ist so wahr, ein volles Glass hat keinen Platz fuer mehr.

    Vielen Dank fuer the Artikel!
    Alles Gute,
    von Yorinda

  2. Michael Paula
    Michael Paula says:

    Hi Yorinda,
    thanks for your words! I hope, that more and more people will have the awareness, that we co-create our world with our thoughts – more than often with our „domesticated programm“, but hopefully with more consciousness in the future…

    Michael

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  1. […] meinem letzten Artikel “Die 10 geistigen Sperren – oder warum denken wir nicht einmal etwas anderes…?” habe ich darüber geschrieben, wie wir durch unsere eingefahrenen Denk- und Verhaltensmuster unsere […]

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