Das Atelier im Kopf – wie Geistesblitze entstehen

Auf der Suche nach neuer Literatur zum Thema Kreativität  stolperte ich unlängst in einer Buchhandlung über das neue GEO kompakt Heft zu den Themen Intelligenz, Begabung und Kreativität. „Das Atelier im Kopf“ nennt sich ein hervorragender Artikel  in diesem Heft, den ich in Auszügen in meinem heutigen Beitrag wiedergeben möchte, weil er das Thema Kreativität in sehr anschaulicher Weise beleuchtet und auch interessante Forschungsergebnisse einfließen läßt.

Mit Gedanken, Buchstaben, Farben und Tönen gestalten Menschen aus dem Nichts etwas Neues: sie schaffen Gemälde, komponieren Symphonien, entwickeln Schlachtpläne oder wissenschaftliche Theorien – und verändern auf diese Weise ihre Welt. Wie aber kommen wir auf neue Ideen? Wo liegen die Quellen unserer Inspiration?

Kreativität ist schwer zu definieren – und gilt doch als eine der wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen der Menschheit.

Seit Jahrtausenden erzählen sich Menschen Schöpfungsgeschichten über die Entstehung der Welt. So verschieden diese Legenden auch sind, im Grunde handeln die meisten von einer einzigartigen Gabe – der Schöfung aus dem Nichts. Diese Geschichten berichten nicht nur von Mythen und Göttern, sondern auch von einem Prinzip, das auch de Mensch beherrscht. Denn manchmal befällt uns eine Idee, manchmal als vage Ahnung, manchmal als zündender Geistesblitz – und wir beginnen, etwas Neues zu gestalten – etwas zu erschaffen, das zuvor nicht existierte und das sich von bisher Dagewesenem unterscheidet.

Kurz gesagt: wir sind kreativ (vom lat. creare, hervorbringen, schaffen, erzeugen). Doch wie ist es möglich, neue Gedanken zu denken? Wie entsteht Kreativität? Was fördert, was hemmt sie? Kann jeder von uns schöpferische Energie in sich wecken? An welchen Merkmalen erkennt man kreative Menschen?

Waren es früher Rohstoffe und die physische Arbeitskraft, so wird Kreativität zur wichtigsten wirtschaftlichen Ressource der Zukunft.
Doch was ist eigentlich „Kreativität“? Darüber sind sich selbst Forscher nicht einig. Die Zeichnung eines Kindes kann ebenso kreativ sein wie eine Konposition von Beethoven, die Erfindung des Radios oder ein Gemälde von Picasso.

Der renommmierte Psychologe Heinz Schuler, der jahrzehntelang an der Universität Hohenheim menschliche Fähigkeiten analysiert hat, fasst die wichtigsten Merkmale so zusammen:

Kreative Leistungen zeichnen sich stets durch neuartige und nützliche Lösungen von Problemen aus.

Mit anderen Worten: Kreativ ist, wer etwas Originelles erschafft, etwas Außergewöhnliches. Auf den ersten Blick mögen nur wenige Menschen diese Gabe besitzen – nämlich all jene, die immer wieder durch geniale Einfälle verblüffen. Doch Forscher sehen die Kreativität meist nüchterner. Erstaunlicherweise betrachten sie die Fähigkeit nicht als Privileg eines kleinen Personenkreises, sondern als Charakteristikum aller Menschen – ja als grundlegenden Wesenszug des Homo sapiens. Zwar mag diese Gabe bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer ausgeprägt sein. Doch im Prinzip ist jeder dazu fähig, neuartige Fantasien zu entwickeln.

Merkmale kreativer Menschen

Der Autor des GEO kompakt Artikels geht dann näher darauf ein, welche Charaktermerkmale kreative Menschen besitzen. Er zitiert verschiedene Forscher und kommt zu folgendem Ergebnis:
Menschen, denen kreative Leistungen leichtfallen, neigen zu überdurchschnittlich dominantem, selbstsicherem und neugierigem Verhalten. Doch zugleich wohnt ihnen eine andere, scheinbar widersprüchliche Seite inne: sie sind sehr empfindsam, feinfühlig, bisweilen zartbesaitet – und gewöhnen sich mitunter nur langsam an neue Eindrücke. Sie sind auch anfälliger für Stress, doch gerade diese Anfälligkeit, treibt manche Kreative dazu, sich extrem ausdauernd in eine Aufgabe zu vertiefen.

Doch hartnäckige Konzentration allein reicht nicht aus, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Kreative Menschen streben auch stärker als andere nach Unabhängigkeit, sie sind eigenwilliger und unbeugsamer, neigen dazu, Normen, Regeln und Gestze zu missachten. Es drängt sie, Tabus und Konventionen zu brechen. Die Umsetzung von Ideen ist aber  nicht immer ihre Stärke. Zumeist verhelfen nur Teams von kreativen Persönlichkeiten und organisatorischen Talenten neuen Ideen zum Erfolg.

Zusammenhang zwischen Kreativität und Intelligenz

Kreativität und Intelligenz gehen vielfach Hand in Hand. Menschen mit einem höreren Intelligenzquitienten haben bessere Chancen, kreativ zu sein.. Allerdings muss dies nicht bedeuten, dass besonders intelligente Menschen zugleich außergewöhnlich schöpferisch sind – und wer weit überdurchschnittlich kreativ ist, muss nicht auch eine überragende Intelligenz besitzen.

Denn hochintelligente Menschen sind in besonderem Maße darin begabt, analytisch zu denken. Sie lösen Probleme planmäßig und linear, gelangen Schritt für Schritt – nach gewohnten Strategien – zur richtigen Lösung. Wissenschaftler nennen dies „konvergentes“ oder schlussfolgerndes Denken.
Kreativität dagegen beruht auf einer ganz anderen Arbeitsweise des Gehirns: auf dem „divergenten“ Denken. Dabei nähert sich das Gehirn der Lösung eines Problems eher assoziativ, lässt auch Emotionen und ungewöhnliche Einfälle zu und umgeht zensierende Gedanken. Psychologen gliedern dieses „Querdenken“ in drei Teilbereiche:

Flüssigkeit – die Gabe, in kurzer Zeit eine große Anzahl von Ideen zu erzeugen;

Flexibilität – die Fähigkeit, vielfältige Ideen zu produzieren, ein Problem also auf möglichst unterschiedliche Weise zu lösen;

Originalität – das Talent, ausgefallene, überraschende Ideen zu entwickeln, auf die kaum ein anderer kommen würde.

 

Kann man Kreativität verbessern?

Viele Ratgeber behaupten, wir könnten unsere Kreativität verbessern, indem wir sie etwa mit Knobelspielen oder Abwechslung im Alltag trainieren. Tatsächlich aber bleibt die schöpferische Gabe ein Leben lang stabil. Anders als Sprachkenntnisse etwa vermögen wir unser Ideenpotenzial kaum zu verändern. Doch wir können zumindest dazu beitragen, es besser zu nutzen. Etwa durch eine Umgebung, in der wir unseren Schöpfergeist leichter entfalten können.

Nicht alle Menschen gelangen auf die gleiche Weise zu einem neuen Einfall, zu verschieden sind die jeweiligen Aufgaben und individuellen Stärken. Dennoch gibtes einige gemeinsamkeiten. Es gibt zumindest vier Phasen, die jeder auf dem Weg zur kreativen Idee durchlebt:

Entdeckung – wir entdecken ein Problem, das unsere Neugier weckt. Wer kreativ arbeitet, muss ein besonderes Gespür für neue Herausforderungen verfügen – denn Visionen sind der Rohstoff der Kreativität, Unzufriedenheit ist ihre treibende Kraft

Reifung – jenseits unserer bewussten Gedanken beginnt das Gehirn, Informationen zusammenzutragen, Erinnerungen zu verknüpfen und unerwartete Verbindungen herzustellen. Sobald wir uns bewusst mit dem Problem auseinandersetzen, vermindert sich diese freie Assoziation.

Einsicht – in dieser Phase, auch „Aha-Moment genannt, beginnen wir, eine Lösung des Problems zu erkennen. Manchmal ist es zunächst nur eine vage Ahnung, manchmal ein Geistesblitz, manchmal eine Kette von zeitlich versetzten Erkenntnissen.

Ausarbeitung – häufig ist dieses Stadium, in dem wir den Wert der neuen Einsicht einschätzen und sie umsetzen, besonders mühsam. Emotionen wie Euphorie oder Angst können im raschen Wechsel aufeinanderfolgen, Selbstkritik und Unsicherheit wühlen uns auf. Denn aufdem Weg von der Idee zum fertigen Produkt müssen wir ausdauernd an die Idee glauben, wieder und wieder Entscheidungen treffen und gegen Zweifel ankämpfen.
Genie besteht aus einem Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration (Thomas Alva Edison)

Kreativität fördern im Alltag

Damit sich ein Mensch in den geistigen Reifungsprozess fallen lassen kann, muss er freilich über die nötige Zeit und Unabhängigkeit verfügen. Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter zu Ideenreichtum beflügeln wollen, sollten dafür Möglichkeiten im Arbeitsaltag schaffen. Das Suchmaschinen-Unternehmen „Google“ etwa räumt den Entwicklern die Möglichkeit ein, an einem Tag in der Woche eigene Ideen zu verfolgen. Am Institut für Medizinische Psycologie in München hat man alle Türen mit Tafelfarbe gestrichen, damit die Wissenschaftler eine Idee notieren können, sobald sie aufkeimt – egal wie unpassend die Situation ist oder wie überraschend der Zeitpunkt.

Der Mensch darf Kreativität nicht wollen – er muss sie zulassen.

In der Tat hat die Kreativitätsforschung gezeigt: Konzentrieren wir uns nicht gezielt auf eine Aufgabe, so ist unser Gehirn trotzdem vollauf beschäftigt. Dies bestätigt auch die moderne Gehirnforschung. Studien haben bestätigt, dass das sogenannte „Leerlauf-Netzwerk“ in unserem Gehirn immer dann anspringt, wenn das bewusste Denken erlahmt, wenn wir uns passiv verhalten und nur wenige Reize unsere Aufmerksamkeit erregen. Vermutlich macht unser Denkorgan in diesen Augenblicken, was es auch im Schlaf tut: Es verknüpft neue Informationen im Unbewussten mit Erinnerungen und Emotionen und ebnet so auf ungemein komplexe Weise den Weg für ungewöhnliche Einfälle.
In jener geheimnisvollen Phase, in der das Gehirn die Ideen heranreifen lässt, verbirgt sich allerdings auch die dunkle Seite der Kreativität: die Ungewissheit, der Zweifel und die Angst vor dem Versagen.

Zum Abschluss ein wirklich sehenswertes Video von Steven Johnson zum Thema „Where good ideas come from“

 

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